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Oskar Barnack (1879-1936)

Oskar Barnack an seinem Arbeitsplatz

Oskar Barnack kam 1911 als ausgebildeter Maschinenbauingenieur zu Leitz nach Wetzlar. In den Wanderjahren hatte er sich, nach damaligem Brauch, große Erfahrung angeeignet. Nach einer Feinmechaniker-Lehre in Berlin-Lichterfelde und anschließender Wanderschaft dort zunächst als Uhrwerkmechaniker in einer kleinen österreichischen Rechenmaschinenwerkstatt und dann bei Zeiss in Jena, wo er es bis zum Meister der Versuchswerkstatt brachte, führte ihn sein weiterer Lebensweg nach Jena zur Firma Zeiss.

Sein Jenaer Freund Mechau überredete ihn schließlich, Zeiss zu verlassen und wie er selbst zu dem fortschrittlichen optischen Institut in Wetzlar zu wechseln. Mechau arbeitete an einer fundamentalen Verbesserung des Kinoprojektors, zu dessen Herstellung Leitz etwa um das Jahr 1912 eine Werkstatt im badischen Rastatt erwarb.

Oskar Barnack hat die Idee eine Kleinkamera herzustellen

Barnack hatte die Idee einer Kleinkamera, für die er die Nutzbarmachung des Kinofilms ins Auge faßte. Seine Konstruktionsarbeiten befaßten sich also auch mit dem Kinoproblem, aber als leidenschaftlicher Fotograf galt seine Aufmerksamkeit vor allem dem stehenden Bild. Er war der Meinung, man müsse die Größe und das Gewicht der damals gebräuchlichen 13 x 18 cm Platten- Kamera reduzieren. Erstens um Gewicht zu sparen, und zweitens um das Fotografieren billiger zu machen.

Der junge Oskar Barnack, 1912, als dieser Schnappschuss entstand, hatte er gerade bei Leitz angefangen, und die Leica war noch eine Idee.

So erzählt Barnack selbst seine Leica Geschichte

Doch lassen wir Barnack selbst erzählen, wie er seine Idee in die Tat umsetzte: „Ich muß mich auf das Jahr 1905 zurückbesinnen – also vor etwa 120 Jahren. Als Amateurfotograf war ich auf eine 13 x 18 cm Großformat-Kamera mit sechs Doppelkassetten angewiesen, alles in einem geräumigen Lederkasten untergebracht. Dieser sah aus wie der Musterkoffer eines Handelsreisenden. Ein wenig unhandlich für Wochenendausflüge in den Thüringer Wald. Wie ich mich so beladen über die Anhöhen geschleppt hatte – noch dazu durch ein Asthmaleiden behindert, da war mir wohl der Gedanke gekommen:

So kann es nicht weitergehen – es muß etwas geschehen! Ich weiß noch sehr genau, wie ich Versuche anstellte, 13 x 18 cm Platten in kleine Einzelfelder zu zerlegen und sie mit einem Objektiv mit kurzer Brennweite, sowie mittels einer besonderen von mir erdachten Vorrichtung in etwa 15 bis 20 Bilder nebeneinander zu reihen. Dies entpuppte sich jedoch als ein Fehlschlag. Die vergrößerten Bilder wurden zu grobkörnig und sahen nicht gerade bestechend aus. Ich ließ den ganzen Plan einstweilen ruhen, obwohl nun schon die Erkenntnis „kleines Negativ, grosses Bild“ für die Einzelbildkamera geboren war. “

Kleines Negativ, großes Bild

“Als ich 1911 bei Leitz in Wetzlar anfing, brachte dies einen Wechsel in meinem Aufgabenbereich mit sich. Nun erstreckte sich meine Tätigkeit unter anderem auch auf die kinematographische Aufnahmetechnik. Ich konstruierte 1912 meine erste Filmkamera, und mir kam die Idee, daß der feinkörnige Kinofilm der Schlüssel zur Lösung meines Problems sein könnte. Eine Vergrößerung des Kinofilmbildformats auf Postkartengröße oder gar auf das Format 6 x 9 cm schien durchaus akzeptabel.

Doch nein! Ich war inzwischen anspruchsvoller geworden. Diese mochten zwar allesamt recht nette Erinnerungsbilder abgeben, aber das eigentliche, richtige Bild beginnt erst bei 13 x 18 oder besser noch bei 18 x 24 cm. Selbst diese Formate erscheinen einem noch als ziemlich klein, wenn man Bilder von 50 cm Breite gesehen hat. Es ist schon so: je größer das Bild, desto plastischer und natürlicher wirkt es. Dazu war das Kinobild allerdings zu klein. Da der normale Kinofilm infolge der wunderbaren Erfindung der Normierung leider nicht breiter werden durfte, mußte ich ihn, um das Beste aus ihm zu machen, möglichst weit in der Länge verwenden. Ich verdoppelte daher die Kinofilmbildbreite, also 24 mm breit und 36 mm lang, und siehe da, es wirkte sehr gut.

So entstand das Leica-Format – kein Produkt monatelanger Grübeleien, wie es später bei anderen, manchmal ganz unscheinbar aussehenden Kamerateilen öfter der Fall war. Das Seitenverhältnis 2:3 halte ich auch heute noch für das Schönste und Zweckmäßigste.“

Zwei Prototypen der Barnack-Kamera wurden 1913 fertiggestellt. Diese beiden Kameras waren als erste mit einem 5 cm Film-Tessar und einem 6,4 cm f4,5 Leitz-Mikrosummar ausgestattet.

Oskar Barnacks Gesundheit

Es ist bestimmt erwähnenswert, daß die Firma Zeiss es ablehnte, den an chronischer Bronchitis leidenden Asthmatiker Barnack in die eigene Angestelltenversicherung aufzunehmen. Bei Leitz dagegen ging man dieses Risiko ein; eine Entscheidung, die beiden Teilen zugute kommen sollte. Ernst Leitz I stellte ihm in Wetzlar sogar ein Haus am Westhang in Sonnenlage zur Verfügung.

Westhang hinter den Leica Werken. Dort steht Barnacks Wohnhaus.
Westhang hinter den Leica Werken. Dort steht Barnacks Wohnhaus.

Das Haus der Barnacks in Wetzlar (Nähe Laufdorfer Weg) war der Schauplatz heroischer Schachduelle zwischen Oskar und seinen Freunden. Seinen Garten nutzte er während des zähen und aufreibenden Arbeitsalltags zu Erholungspausen. Firmenangestellte, die wie Barnack in der Nähe wohnten, konnten ihre langen Mittagspausen zu Hause genießen.

Oskar Barnacks Wohnhaus in Wetzlar
Oskar Barnacks Wohnhaus in Wetzlar

Barnacks Schach Freunde

Nachfolgende Geschichte stammt von Arthur Herzog, der 1927 als kaufmännischer Lehrling bei Leitz eingestellt wurde.

Barnack freundete sich mit Herzog näher an, als er gehört hatte, daß der junge Mann ein guter Schachspieler sei. Sie reisten zusammen zu Schachturnieren, an denen sie gemeinsam teilnahmen. Donnerstag nachmittag mußte Herzog im Barnackschen Haus zum Schachspiel antreten. Immer wenn ein Gewitter ihr Spiel unterbrach, pflegte Barnack langsam von seinem Stuhl aufzustehen und die Regentropfen zu beobachten, wie sie in Rinnsalen außen an der großen Fensterscheibe herabliefen. Wieder zum Schachbrett zurückgekehrt, schien er dann stets tief in Gedanken versunken zu sein. Die Stimmung änderte sich in solchen Momenten, und beide Spieler wurden nachdenklicher. Fast immer gaben die nun folgenden Züge ihrem Spiel eine entscheidende Wendung. Arthur Herzog wurde mit der Zeit Schachkönig im Kreis Wetzlar und Oskar Barnack wurde Rangzweiter. Als beider Motto galt Angelius Silesius’ Wahlspruch:

„Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen das besteht.“

Angelius Silesius

Barnack tüftelt ständig an seiner kleinen Kamera herum

Auch als Werksmeister in der Versuchsabteilung konnte es Barnack nicht lassen, dann und wann an seiner kleinen Kamera herumzutüfteln, zu experimentieren. Die Versuchsabteilung kümmerte sich in erster Linie um die Konstruktion von Mikroskopen. Barnack gab selbst zu, daß er keinen der vorgegebenen Wege in der damaligen Fotografie nachahmte. Er war ein Bastler, ein Mann des Experiments, und ging seinen eigenen Weg: „Ich hatte kein richtiges Vorbild, keine vor- geschriebene Richtung, wie das heute der Fall ist. Ich konnte meinen Ideen freien Lauf lassen, so wie man das von einer Liebhaberei her gewöhnt ist.

Das erste Modell – es hat sich seither eigentlich nicht viel geändert – hatte noch keinen modernen Schlitzverschluß, sondern statt dessen einen 4 cm breiten Schlitz der mit verschiedenen Federdruckkräften arbeitete. Es gab auch noch keine Tageslichtkassette- Der Filmtransport war aber schon mit dem Verschluss gekoppelt. Barnack arbeitete jahrelang mit diesem Modell, aber der erste Weltkrieg (1914 -1918) verhinderte zunächst einmal jegliche Weiterentwicklung dieses Typs.

Als sich in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Frage nach der Serienfertigung einer solchen Kleinkamera von neuem stellte, war Barnack recht schnell in der Lage, einen eigenen Prototyp vorzustellen. Der Verschluss ließ noch einiges zu wünschen übrig. Er war zu ungenau, und es galt einen verstellbaren Schlitz zu konstruieren, der eine exakte Verschlusszeiteinstellung gewährleistete. Ebenso war eine Tageslichtkassette erforderlich, um einen Film auch am Tag einlegen zu können. Außerdem war der Sucher nicht zufriedenstellend, schließlich mußte noch ein passendes Objektiv für das doppelte Kinofilmformat errechnet werden. Das war dann das Verdienst Professor Max Bereks. Ihm gelang es, einen Anastigmat mit 50 mm Brennweite und einer Öffnung von 1:3,5 zu konstruieren.

Das Leica Werk in Wetzlar

Der Prototyp entsteht

Die insgesamt 30 Kameras der Nullserie – Nr. 101 bis 130 – wurden 1923 in der Mikroskopwerkstatt von Herrn Hertstein gebaut. Sie waren mit Bereks Anastigmat 50 mm 1:3,5 ausgestattet. Der Verschluß war nicht überlappend, so daß beim Filmtransport ein Objektivdeckel aufgesetzt werden mußte um das Negativ vor Doppelbelichtung zu schützen. Dieser wurde mittels eines Bandes und einer Öse am Kameragehäuse befestigt. Die Kameras der Nullserie wurden ausgesuchten Fotofreunden und Hobbyfotografen zu Testzwecken überlassen. Deren Aufgabe war es nun wieder, über ihre Erfahrungen mit den Kameras Bericht zu erstatten und so bei der weiteren Entwicklungsarbeit Hilfestellung zu leisten.

Leitz verfügte als weltbekannter Mikroskophersteller über eine gut ausgebaute Vertriebsorganisation und hatte somit Verkaufsleiter in den wichtigsten Ländern der Welt. Sie erhielten jeweils einen solchen Prototyp und sandten ihre Urteile darüber nach Wetzlar zurück, wo sie größtenteils von Oskar Barnack selbst ausgewertet wurden. Leider sind diese Berichte nicht mehr erhalten, aber anscheinend fielen die Beurteilungen weitgehend positiv aus, denn ein Jahr später, im Jahre 1924, traf Ernst Leitz II die Entscheidung, Barnacks Kamera in Serie zu bauen.

So erfolgreich war Oskar Barnack für Leica – Leitz Wetzlar

Seine erfolgreichsten Jahre verbrachte Oskar Barnack bei Leitz zwischen 1925 und 1934. Ausgehend von einer Liliputkamera mit festem 50 mm-Objektiv, entwickelte sich die Leica zu einer Kamera mit Wechselfassung für Objektive verschiedener Brennweiten und Öffnungen. Der Entfernungsmesser wurde fest ins Gehäuse eingebaut, verschiedene Wechselobjektive folgten. Ebenso wurde ein Langzeitenhemmwerk integriert, und nach und nach war so ein ganz neues Kamerasystem entstanden.

Bei der Entwicklung des Systems muß Barnack an die Beweglichkeit des menschlichen Auges gedacht haben. Das Auge ist das wendigste, empfindlichste, aber auch komplizierteste Organ unseres Körpers. Während wir wach sind, ist es kaum je einmal in Ruhestellung. Es folgt Menschen und Tieren, dem geschriebenen Wort, dem Fernsehschirm, Sportereignissen, Unfällen, tausend Kleinigkeiten nah und fern. Es verändert die Schärfentiefe, seine Irisblende öffnet und schließt sich automatisch und es kompensiert Helligkeitsunterschiede. Eine Weitwinkelsicht stellt es ebensowenig vor Probleme, wie die Konzentration auf einen entfernten Punkt gleich einer Nahaufnahme. „Was für eine Kamera!“ ist man versucht zu sagen. Ja, allerdings! Und wer wünschte sich nicht, eine Kamera zu besitzen, die dem Auge an Vielseitigkeit gleichkommt, ja, es in manchen Dingen vielleicht noch übertrifft?

Es war klar, daß selbst die raffinierteste Kamera niemals alle Funktionen des Auges übernehmen könnte, aber der Erfinder, der das Auge zu imitieren suchte, kam dem Ideal am nächsten. Barnack mußte bei der Erfindung seiner Leica an das Auge gedacht haben: an ein System, das klein, unauffällig und doch flexibel war und außerdem entfernt liegende Gegenstände nah heranzubringen vermochte.

Oskar Barnack der Erfinder der ersten Leica

Auf Barnacks Initiative hin begann man nun bei Leitz die Konstruktionsabteilung Schritt für Schritt auszubauen. Es wurden gute und erfahrene Fachleute der Branche angeworben, die dann die gewonnenen Ideen im praktischen Gerätebau realisierten. Ab 1935 war Barnack allerdings schon nicht mehr in der Lage, sein volles Arbeitspensum zu leisten – er starb im Januar 1936.

Oskar Barnacks Vision ist eine kleine Kamera, die kleine, scharfe Negative macht, die anständige große Drucke machen können. Der Schlüssel hier ist eine kleine Kamera.

Die Vision der Leica ist die kleinstmögliche Kamera, die passable Ergebnisse erzielen kann.

Es widerspricht Oskar Barnacks Vision, große, schwere Objektive oder große motorisierte Kameragehäuse für die Aufnahme von 35-mm-Filmen zu verwenden. Der springende Punkt ist, die Hardware klein und von anständiger Qualität zu halten.

FAQ Ratgeber zu Oskar Barnack

Wer war der Entwickler Oskar Barnack?

Oskar Barnack absolvierte eine Lehre in Berlin Lichterfelde, bevor er dann weiterzog um sich in Österreich weiterzubilden. Anschließend landete er in Jena bei den Zeiss Werken. Durch einen Freund kam er ca. 1911 nach Wetzlar zu der Firma Ernst Leitz Wetzlar. Dort erfand er die Kleinbildkamera.

Was was Barnack für ein Mensch?

Barnack kann man auch als Familienmensch bezeichnen. Er wohnte in unmittelbarer Nähe zum Werk und ging mittags nach Hause zum Essen. In der Freizeit spielte er gern Schach und verbrachte viel Zeit mit Frau und Kind in seinem Garten hinter dem Haus.

Mit wem arbeitete Barnack zusammen?

Eine sehr enge Zusammenarbeit bestand mit Max Berek. Berek war, als Barnack nach Wetzlar kam, bereits Leiter der wissenschaftlichen Abteilung bei der Firma Leitz. Er war ein außergewöhnlicher Mathematiker und Professor an der Uni in Marburg.

Quellen, Literatur und weitere Verweise wie Fotos und Textinfos

Bildnachweis:

  • © Leica Camera
  • © Ernst Leitz Wetzlar
  • © Horst K. Berghäuser
  • © Leica Spiegel der Erinnerungen von Emil G. Keller